Für J.M.

Magdeburg, im Januar 2021

Lieber J.,

24 Jahre. 24 Jahre ist es in etwa her, als wir gemeinsam in den Kindergarten gingen. Oft war ich danach bei dir. Wir haben gespielt, fantasiert, uns Welten erdacht, und uns versteckt, als mich meine Mutter abholen wollte. Erinnerst du dich? Unter dem Bett deiner Eltern haben wir uns versteckt oder im Badezimmer. Sie hat uns immer gefunden. Immer musste ich mit ihr gehen. Dich verlassen, zurücklassen.

24 Jahre später sitze ich nun in Magdeburg. Es ist Mitte Januar, draußen bricht der Winter herein, es windet, regnet, schneit und gefriert. Ich sitze im Stuhlkreis auf der kleinen Bühne. Um mich herum nimmt der größte Teil des Produktionsteams Platz. Leonhard, der Regisseur, Jonathan, Jana und Richard sowie Anke. Wir können durch die FFP2-Masken nur unsere Augen sehen, aber jedes Augenpaar strahlt für sich. Denn es geht los. Wir dürfen proben. In den nächsten zwei Monaten wird ein Stück entstehen, das hoffentlich bald auch der Öffentlichkeit gezeigt werden darf.

24 Jahre ist ein Zeitraum, der für Stück von enormer Wichtigkeit ist. 24 Jahre ist es her, als Frank das letzte Mal seine Jugendliebe getroffen hat. 24 Jahre später steht sie vor der Tür und fordert die Einlösung seines Versprechens: sie immer zu lieben. Die Welt gerät ins Wanken. 

Ich werde dich in den nächsten Wochen mitnehmen, werde schreiben und berichten, dir meinen Alltag näherbringen. Ich packe eine Kiste mit Erfahrungen für dich. Vielleicht erfreut es dich, vielleicht hilft es dir beim Erinnern. 24 Jahre, was hast du alles erlebt?

Dieses Probentagebuch begleitet die Produktion zu “Die Frau von früher” von Roland Schimmelpfennig in der Regie von Leonhard Schubert für Menschen ab 16.

Nähere Informationen zum Stück und den Aufführungsterminen finden Sie hier.

05.03.2021

Lieber J.,

heute ist die AMA. Alle mit Allem. Die erste Probe mit kompletter Technik, mit Kostümen, mit Maske für die Darsteller*innen. Es ist der erste Tag mit allem und gleichzeitig der vorerst letzte Probentag. Diese Ansage war für das gesamte Team, das gesamte Theater auch ein kleiner Schlag ins Gesicht. Besonders für das Team um Regie und Darsteller*innen bedeutet der vorzeitige Abbruch der Proben ein Herausgerissen werden aus Denkprozessen und von der Verinnerlichung der Abläufe hinter der Bühne. Nach diesem Durchlauf werden die Kostüme, die Puppen und Requisiten in Kisten gepackt und sicher verstaut, bis zum Tag X, an dem die letzte Probenwoche neu angesetzt und im Anschluss endlich vor und für Publikum gespielt wird. Somit heißt es auch hier: Packen, verstauen, (vorerst) Abschied nehmen.
Für mich persönlich bedeutet das auch, dass ich mit diesem Tag dieses Buch schließe. Es war schön, meinen Alltag mit dir teilen zu können, Erinnerungen aufzurufen und neue zu formen.

Mach es gut, auf bald, vergiss mich nicht. A.

04.03.2021